Trump, Erdogan, Le Pen, Putin, Renzi, Cameron, Grillo, Iglesias – Was haben diese Menschen gemeinsam? Erstens: Sie haben derzeit sehr viel Macht (oder hatten sie bis vor kurzem, siehe Renzi und Cameron). Und zweitens: Sie machen ihre Person zu einem wesentlichen Teil ihres Programms. Sie alle weisen zumindest einige narzisstische Züge auf, einige von ihnen derart starke, dass sie wahrscheinlich die Voraussetzungen für eine Narzisstische Persönlichkeitsstörung erfüllen. Narzissten – im Volksmund oft als „Alphatierchen“ bezeichnet – sind stark selbstbezogen, stellen sich in ihrem Denken und ihrem Auftritt in den Mittelpunkt, haben meist eine geringe Gabe zur Selbsthinterfragung und können sich oft schlecht in andere Menschen hineinversetzen. Dafür zeichnet sie zumindest vordergründig ein überschäumendes Selbstvertrauen aus. Narzissmus ist als Persönlichkeitszug oder -störung schwer zu therapieren und nicht heilbar. Zudem verstärken sich narzisstische Charakterzüge in einer Machtposition meist noch zusätzlich. Wer also darauf spekuliert, dass sich eine der genannten Personen noch ändert oder mässigt in ihrem Auftreten oder ihrem Egoismus, kann diese Hoffnung gleich begraben.

 

Das Problem mit Alphatierchen

Narzissten machen in der Gesamtbevölkerung keine hohe Prozentzahl aus, in Machtpositionen sind sie jedoch deutlich häufiger. Sie kandidieren öfter und werden öfter gewählt (auch in experimentellen Versuchen). Ersteres liegt auf der Hand: Wird einem Narzissten eine Kandidatur angeboten, überlegt er kaum, ob er qualifiziert oder beliebt genug ist – in seinem Selbstbild ist er es, und sein Selbstbild zählt. Dass Narzissten auch beim Wahlvolk oft besser abschneiden als ihre weniger selbstbezogenen Konkurrenten, hat mehrere Gründe. Einerseits verwechseln wir gerne Selbstvertrauen mit Kompetenz, was unter anderem auch dazu führt, dass Narzissten in Vorstellungsgesprächen und Lohnverhandlungen besser abschneiden als der Durchschnitt. Andererseits haben sie lebenslange Erfahrung mit Selbstdarstellung und wirken oft wesentlich souveräner und wortgewaltiger als der Durchschnitt – selbst dann, wenn sie völlig falsch liegen. Zudem verstehen sie es wie wenige andere Menschen, unter autoritätsgläubigen Wählerinnen und Wählern einen Personenkult um sich heraufzubeschwören. Und sie haben generell eine höhere Chance, bereits einem breiten Publikum bekannt zu sein, bevor sie in die Politik einsteigen.

Dass Narzissten öfter gewählt werden, ist an sich noch kein Problem. Schliesslich werden hierzulande auch Alteingesessene weitaus öfter gewählt als Neuzugezogene, und niemand sieht darin den Untergang unseres Systems. Aber Narzissten treffen wegen ihrer Mängel auch nachweislich mehr schlechte Entscheidungen und halten länger daran fest als andere Menschen. Fast alle Aspekte des Narzissmus tragen dazu bei: Die Unfähigkeit, mit Kritik und Kränkungen umzugehen, führt beispielsweise bei Trump und Erdogan mehrmals pro Woche zu unkontrollierten Wutausbrüchen. Die äussern sich glücklicherweise meist nur in schrecklichen Tweets und Pressemitteilungen, aber teilweise auch in Kurzschlusshandlungen wie impulsiven Inhaftierungen oder Entlassungen. Die fehlende Selbsthinterfragung bewirkt, dass ein Narzisst, der eine Meinung einmal gefasst hat, sie kaum je wieder ändert. Selbst dann nicht, wenn die Evaluation einer Strategie ihre Wirksamkeit klar bestreitet – siehe amerikanische Drogenpolitik. Das übersteigerte Selbstbild wiederum kann einen Narzissten dazu verleiten, Sachfragen mit seiner eigenen Personalie zu verknüpfen. Egal, wie beliebt er ist oder wie schlecht das Gesetz, er macht aus allem eine Vertrauensfrage. Renzi mit seiner Verfassungsreform, Cameron mit Brexit, Iglesias und Errejòn mit ihrem unsäglichen Machtkampf um die Hoheit über PODEMOS… Die Liste lässt sich schier unendlich weiterführen, und praktisch jeder Fall endet mit dem Rollen von Köpfen und einer schwer angeschlagenen Partei. Selbst wenn ein solches Glücksspiel gelingt, wie David Camerons Schottland-Referendum, hält der positive Effekt nicht lange an. Die Verlockung, es wieder und wieder zu versuchen, ist einfach zu gross.

Der Erfolg der Narzissten hat aber auch einen verheerenden Nebeneffekt: Da Selbstdarstellung und Selbstübersteigerung beim Wahlvolk so gut ankommen, verhalten sich in der Politik plötzlich auch Nichtnarzissten wie Narzissten. Da nehme ich mich nicht aus: Eigentlich hasse ich Werbung und alles Plakative, verachte „Keep it simple and stupid“. Aber im Wahlkampf arbeite ich mit genau diesen Mitteln, da ohne kein Blumentopf zu gewinnen ist.

 

Die Lösung: Zufall!

Wie aber reduzieren wir die Anzahl Narzissten in der Politik? Ein Weg wäre, alle Gewählten einer psychologischen Diagnose zu unterziehen. Aber dies wäre ein ziemlich grosser Eingriff in ihre Privatsphäre, und zudem existiert Narzissmus auf einem Spektrum. Wo würden wir die Grenze ziehen? Schliesslich hat praktisch jeder und jede von uns den einen oder anderen narzisstischen Charakterzug.

Eigentlich würde es bereits reichen, die Anzahl Narzissten auf das Niveau der Gesamtbevölkerung zu senken. Ein paar hätten wir immer noch am Hals, aber wo immer die Verantwortung auf mehrere Schultern verteilt ist, fänden sie keine Mehrheit für irrationale Kurzschlussreaktionen. Ich studierte lange an einer Lösung herum, bis ich kürzlich auf einen verrückten Vorschlag stiess: Der belgische Historiker David van Reybrouck kritisiert (Personen-)Wahlen im Allgemeinen und plädiert für die Auslese per Los. Das Losverfahren ist arg in Vergessenheit geraten. Einst ein Grundpfeiler der ersten antiken Demokratien, wurde diese völlig zufällige Auslese mit den Revolutionen in Frankreich und den USA durch Wahlen ersetzt – vor allem, um den Kreis der möglichen Gewählten auf die finanzkräftigeren und bekannteren Herren der Oberschicht zu begrenzen. Wahlen waren nie als Instrument für eine optimale Repräsentation gedacht… Kein Wunder, dass sie die Auslese verzerren.

Man stelle sich also vor, unsere Parlamente würden nicht mehr gewählt, sondern gezogen. Der Anteil an Alphatierchen und Selbstdarstellern in der Politik wäre erträglicher. Und nicht nur das: Unsere ParlamentarierInnen würden sich nicht mehr vormachen, sie wüssten schon alles über die Politik. Zugegeben, sie wüssten tatsächlich etwas weniger als unsere derzeitige Politikergarde, aber sie wären sich ihrer Lücken auch bewusst. Wir dürfen nicht vergessen, dass wir in einem Land ohne politische Grundbildung leben. In unseren Räten sitzen Menschen mit ausserordentlich grossen politischen Bildungslücken, die aber schon zu weit gekommen sind, um dies zuzugeben – und mit jedem zusätzlichen Amtsjahr wird die Hemmung grösser, sich ein Buch über ein Thema zu kaufen. Könnte ja jemand sehen! Die Lösung des Problems: Wir ziehen unsere RepräsentantInnen ein Jahr im Voraus und schicken sie zwei Semester lang in einen intensiven Abendkurs in politischer Bildung. Kostet wenig, bringt viel, und niemand muss sich schämen, weil alle Nachhilfe kriegen. Gezogen würde natürlich jeweils eine grössere Anzahl Namen, als es Sitze gibt. So könnten Gezogene ihre Ernennung ablehnen oder im Amt zurücktreten, ohne dass ihr Gremium dadurch kleiner würde.

Auch der Sesselkleberei würde damit Abhilfe geschaffen. Die Wahrscheinlichkeit, zweimal gezogen zu werden, ist derart gering, dass kaum jemand zwei Legislaturperioden im Amt bliebe; geschweige denn jahrzehntelang. Und was, wenn für ein Amt doch etwas politische Erfahrung gewünscht ist, beispielsweise für den Nationalrat? Dann ziehen wir die Nationalratssitze eben nur unter den kantonalen ParlamentarierInnen. So blieben Einzelne zwar sechs oder sieben Jahre lang in der Politik, aber auch das wäre doch noch eine ziemlich vertretbare Amtszeit.

Menschen mit Migrationshintergrund, kürzlich Umgezogene, Frauen rechts der Grünen sowie ärmere und weniger gebildete Schichten könnten sich ebenfalls freuen: Nach fast hundertsiebzig Jahren Untervertretung wären sie erstmals angemessen vertreten.

Was ebenfalls wegfiele, ist etwas, das ich momentan in meinem Umfeld besonders stark miterlebe: Die leidige Mehrfachrolle der aktiven PolitikerInnen. Einerseits sollen sie frei entscheiden, andererseits zu allem schon eine Meinung haben. Sie dürfen ihre Positionen nicht ändern, sollen aber doch irgendwie Mehrheiten schaffen. Wenn sie keine Vorstösse schreiben, sind sie faul, aber wenn sie priorisieren und deswegen ihren Beruf aufgeben oder stark reduzieren, sind sie auch faul. Wenn sie nie von ihrer Parteilinie abrücken, sinkt ihre Gunst bei den Wählern, aber wenn sie zu stark davon abweichen, werden sie vielleicht nicht mehr nominiert… Die PolitikerInnen von heute sind Chimären mit völlig paradoxen Anforderungen, die sich nicht unter einen Hut bringen lassen und allzu oft zu Fehlentscheidungen führen. Wie oft hat die SP im Aarauer Einwohnerrat schon gegen ihre eigenen Interessen gestimmt, weil eine SP-Stadträtin das Dossier vertrat und man sich eben nicht auf die Füsse treten wollte?

Teilen wir doch diese Rollen auf. Den Alphatierchen mit Profilierungsneurose nehmen wir damit etwas weg, aber den Rest der PolitikerInnen entlasten wir. Und ja, es wird auch in einer Losdemokratie Raum für PolitikerInnen geben. Wir werden auch weiterhin Menschen mit starken Meinungen benötigen, die Kampagnen fahren, debattieren, argumentieren und ausgefeilte Vorstösse schreiben – aber sie werden nicht mehr selbst in einer Machtposition sitzen und darüber entscheiden. Dies gibt ihnen mehr Zeit, sich für Sachthemen zu engagieren. Und gleichzeitig verhindert es ein Stück weit, dass pure Loyalität über eine Sachfrage entscheidet anstelle des besseren Arguments.

 

Flankierende Massnahmen

Natürlich gibt es auch Nachteile an so einer Losdemokratie. Heute finden sich Menschen mit ähnlichen Meinungen zusammen und koordinieren ihr Vorgehen in Fraktionen. Dies wird dann wichtig, wenn mehr als zwei verschiedene Optionen zur Auswahl stehen. Ein einfaches Beispiel: Zur Auswahl stehen die Ehe für alle mit gleichgestellten Rechten (60% sind dafür), eine moderate Ausweitung der eingetragenen Partnerschaft (5% sind dafür) und der Status quo (35% sind dafür). In einer unorganisierten Gruppe, in der niemand die genauen Mehrheitsverhältnisse kennt, werden wohl die meisten erst für die moderate Variante stimmen, selbst wenn sie mehr wollen. Stimmt mehr als die Hälfte der Unterstützer der Ehe für alle auf diese Weise, wird am Schluss die moderate Variante angenommen, trotz satter Mehrheit für einen grösseren Schritt. Eine in Fraktionen organisierte Gruppe findet ziemlich schnell heraus, wie die Mehrheitsverhältnisse stehen, und kann sich im Voraus schon koordinieren.

Wir brauchen also Fraktionen, aber wie organisieren wir sie, wenn keine Parteienvertreter mehr gewählt werden? Mein Vorschlag: Am Ende ihrer politischen Grundbildung lassen wir die ParlamentarierInnen einen Fragebogen im Stil von Smartvote ausfüllen, damit sie etwas zum Vergleich in der Hand haben. Dann lassen wir sie selbstständig Fraktionen bilden. Diese können entweder an eine Partei angegliedert sein oder nicht. So finden sich hoffentlich Menschen zusammen, die ähnliche Positionen vertreten und miteinander arbeiten können.

Natürlich wird es mit diesem System auch schwieriger, zu entscheiden, welche Anliegen und Argumente den ParlamentarierInnen überhaupt vorgelegt werden. Nicht, dass dies in unserem Wahlsystem besonders gut gelöst wäre. Heute stammen die Vorstösse, die in unseren Räten diskutiert werden, zwar oft von Lobbyisten und Gruppen mit finanziellem Eigeninteresse. Aber eben nicht nur: Hinter vielen Vorstössen stehen Personen und Organisationen, die sich unbezahlt für vernachlässigte Interessen einsetzen. Man denke hier an Behindertenorganisationen oder Vertreter der kleineren sexuellen Minderheiten. Sie haben sowohl im jetzigen System als auch in einer Losdemokratie kaum eine Chance, dass in jeder Legislaturperiode jemand im Rat sitzt, der zu ihrer Gruppe gehört oder sie aus persönlichem Interesse vertritt. Sie sind oft auf langjährige Parlamentsmitglieder angewiesen, die ihre persönlichen Anliegen schon eingebracht haben.

Als Lösung hierfür könnten jeweils zwei oder drei Tage jeder Session den „Nischenthemen“ gewidmet werden, die weniger als ein Prozent der Bevölkerung betreffen. Die Anliegen ihrer Vertreter könnten im Vorfeld der Session gesammelt und an die Fraktionen verteilt werden, die dann entscheiden, welche Vorstösse sie ergreifen werden.

Klar ist: Die Losdemokratie bietet in ihrer praktischen Umsetzung noch viele Herausforderungen. Interessanterweise sind viele dieser Herausforderungen schon im jetzigen System vorhanden, werden aber geflissentlich ignoriert. Ein grundlegender Wechsel vom Wahl- zum Losverfahren würde den Finger auf jene Wunden legen und uns zwingen, uralte Ungerechtigkeiten ernst zu nehmen und zu lösen. Aber vor allem würde er jene Repräsentationsprobleme lösen, die uns und jede andere Wahldemokratie plagen.

 

P.S.: Und was ist mit der Exekutive?

Aufmerksame Leser werden schon im zweiten Kapitel dieses Essays bemerkt haben, dass meine Vorschläge nur das Parlament betreffen, während die meisten der genannten Bilderbuchbeispiele für Narzissten in der Exekutive sitzen oder sassen. Soll auch die Exekutive ausgelost werden?

Nein, dazu ist sie zu klein. Einen Rat mit fünf Leuten per Los zu bestimmen, ist zu oft ungerecht. In Bezug auf Narzissten wäre die Idee zwar durchaus sinnvoll, in jeder anderen Repräsentationsfrage aber weniger. Eine Partei, die zwanzig Prozent der WählerInnen vertritt, hätte in einem Fünfergremium eine Chance von 1:125 auf eine absolute Mehrheit. Bei einer Partei mit dreiunddreissig Prozent Wähleranteil läge die Chance sogar bei 1:27. Das klingt erst mal nach wenig, aber bezogen auf die Schweiz hiesse dies, dass zu jedem Zeitpunkt durchschnittlich ein Kanton und 85 Gemeinden von Parteien dominiert würden, die nur einen Drittel ihrer WählerInnen repräsentieren. Nochmals um die fünfzig Gemeinden würden von einer Zwanzig-Prozent-Partei dominiert – und jede zweite Legislaturperiode sogar ein Kanton. Jede sechzehnte Exekutive bestünde nur aus einem Geschlecht. Das alles wäre als Experiment aus politikwissenschaftlicher Sicht hochinteressant, aber für allzu viele Gemeinden und Kantone auch ziemlich unfair und destabilisierend. Natürlich würde dieser Umstand auch einen grossen Druck auf die Gezogenen ausüben: Was, wenn die einzige Frau eigentlich ablehnen möchte, aber ein Mann würde nachrutschen? Alle sollten in einer Losdemokratie frei sein, ihre Ziehung anzunehmen oder abzulehnen, und diese Freiheit wäre so nicht mehr gegeben.

Für Exekutivwahlen hat die Schweiz bereits ein ziemlich gutes System: die Bundesratswahl. Indem nach ungeschriebenem Gesetz alle grösseren Parteien vertreten sein müssen und Sitz für Sitz vom Parlament gewählt wird, haben hier Alphatierchen deutlich kleinere Chancen – mit gelegentlichen Ausnahmen. Noch kleiner würden ihre Chancen, wenn gleich nach Departement gewählt würde und nur fachlich versierte Personen überhaupt portiert würden.

Es ist natürlich klar, dass sich dies nur umsetzen liesse, wo es ein Parlament gibt. In kleineren Gemeinden sehe ich kaum wirklich gute Alternativen zur Volkswahl. Aber da ist das Potenzial für Katastrophen durch schlechte Führung auch ziemlich begrenzt.