Der Tages-Anzeiger erzählt wieder einmal eine Geschichte, die schon Tausende Male von Vertretern der Rechten wiederholt wurde: «Wie die Linke die Abgehängten verriet». Neu untermalt mit Daten von Thomas Piketty, der sich die linke Wählerschaft im Detail angeschaut hat. Der Grundtenor: Weil die Linke nicht mehr den Arbeitern dient und von gutverdienenden Bildungsbürgern geleitet wird, lief ihr die Arbeiterschaft davon. Der Haken an der Geschichte: Was da als Ursache ausgemacht wird, trat erst Jahrzehnte nach der Wirkung ein – oder überhaupt nicht.

 

Die Verwechslung von Wirkung und Ursache

Erstens: Die Linke und die Gewerkschaften wurden schon immer mehrheitlich von wohlhabenden BildungsbürgerInnen geführt. Das ergab sich aus der Sache. Politische Arbeit braucht Zeit und verlangt einen guten Umgang mit Zahlen, Worten und Menschen. Selbst wenn sich ein Arbeiter politisch zu engagieren begann, musste er sich relativ früh im Aufstieg zwischen seiner Arbeit und der politischen Tätigkeit entscheiden. Er musste sich einarbeiten, weiterbilden, und wenn er dann endlich mal im Parlament sass, war er schon lange kein Arbeiter mehr. Hätte sich Piketty die Parteispitzen historisch angeschaut und nicht nur in ihrem aktuellen Zustand, dann hätte er feststellen müssen, dass sie sich sozioökonomisch seit mehr als hundert Jahren kaum verändert haben.

Und zweitens: Die Neoliberalisierung der linken Parteiprogramme (der «Verrat am Arbeiter») ist je nach Land ein Kind der Achtziger-, Neunziger- oder Nullerjahre. In etlichen Ländern, darunter der Schweiz, hat sie überhaupt nicht stattgefunden. Die Abwanderung der Wenigverdienenden aus den Gewerkschaften und den Linksparteien passierte aber flächendeckend und hatte ihren Beginn fast überall in Westeuropa in den Siebzigerjahren. Wie kann es sein, dass die Ursache zehn, zwanzig, dreissig Jahre nach der Wirkung stattfindet, oder auch mal überhaupt nicht?

Jedem, der auch nur ein Fünkchen Logik in sich hat, muss aufgrund dieser Datenlage klar sein, dass der Zusammenhang andersrum liegen muss. Wie kann das einer Koryphäe wie Piketty entgehen? Ganz einfach, aufgrund eines Narrativs, das sich durch die ganze Geschichte der liberalen Ökonomie und Politik zieht: Der Arbeiterschaft wird keine eigenständige Denk- und Handlungsfähigkeit zugestanden. Die gesamte Unterschicht wird als reaktive Masse gesehen, die keine eigene Idee formen kann. Das war nie wirklich so, aber es ist eine sehr bequeme Annahme, um bei jeder Frage schon mal einen möglichen Akteur auszuschliessen. So gesehen ist es zwar traurig, aber nachvollziehbar, dass Piketty nicht auf die Idee kam, dass der Impuls von der Arbeiterschaft ausging.

 

Der Verrat der Arbeiterschaft an der Linken

Die Arbeiterschaft begann also die Gewerkschaften und Linksparteien zu einer Zeit zu verlassen, als diese sich noch zuverlässig und effektiv für die Rechte der Ärmeren einsetzten. Zu einer Zeit, in der sich die linken Parteieliten in ihrer Ausrichtung und Zusammensetzung kaum veränderten, vom wachsenden Einfluss der Frauen einmal abgesehen. Wenn nicht die Parteieliten schuld daran waren, aus welchen Gründen wandten sich die ArbeiterInnen sonst von der Linken und den Gewerkschaften ab?

Ich habe die Frage vor einigen Jahren mal im Rahmen meines Politikwissenschaftsstudiums genauer untersucht, unter der Annahme, dass die ArbeiterInnen selbst denkende und handlungsfähige Menschen sind, die eigene Ideen haben können. Ich kam auf drei Hauptgründe: Den eigenen Erfolg, den Kalten Krieg und die Globalisierung, alle drei begleitet und verstärkt von einer recht schlauen Rhetorik der Rechtsparteien.

 

Erster Grund: Der Erfolg der Linken

Vor dem Zweiten Weltkrieg war eine Gewerkschaftsmitgliedschaft oft notwendig für Arbeitsbedingungen, die wir heute als selbstverständlich betrachten. Nur in der Gewerkschaft konnte man sich einen Zehnstundentag, einen Schutzhelm oder eine Unfallversicherung erstreiten. Das beste Argument für eine Mitgliedschaft war Eigennutz. Ab Ende des Zweiten Weltkriegs konnte die Linke in Europa viele dieser Erfolge institutionalisieren: Ein soziales Netz, Arbeitszeitbeschränkungen und Sicherheitsvorschriften wurden schrittweise ins Gesetz festgeschrieben. Je nach Land war eine Gewerkschaftsmitgliedschaft ab den Sechzigern, Siebzigern oder Achtzigern des letzten Jahrhunderts nicht mehr wirklich notwendig, um die eigene Existenz zu sichern. EgoistInnen verliessen die Gewerkschaften in Scharen – gewisse Parallelen zur No-Billag-Debatte sind hier nicht von der Hand zu weisen.

Interessanterweise erstritt die Linke die meisten dieser Errungenschaften aus der Opposition, mittels geschickter Diplomatie und einem ausserordentlich wirksamen Schreckgespenst: der Sowjetunion.

 

Zweiter Grund: Der Kalte Krieg

Kaum eine sozialdemokratische Bewegung erwog nach Stalins Aufstieg noch ernsthaft eine engere Anbindung an die Sowjetunion – aber die antikommunistischen Medien behaupteten das Gegenteil. Die westeuropäische Linke nutzte diesen Umstand geschickt zu ihrem Vorteil. Indem sie immer wieder mit der DDR und anderen Ostblockstaaten kokettierte, hatte sie ein wirksames Druckmittel in der Hand, um Fortschritte im eigenen Land durchzusetzen. «Ja, wir stützen euer kapitalistisches System bis auf Weiteres, aber ihr gebt dafür einen grösseren Teil des Wohlstands an die Arbeiterschaft ab.» Mithilfe dieser Drohgebärde erkämpften die europäischen SozialdemokratInnen aus der Opposition heraus die längste und grösste Umverteilung nach unten, die unser Kontinent je gesehen hat.

Wurden sie allerdings selbst an die Macht gespült, bekamen sie die Schattenseite des Kalten Kriegs zu spüren: Die USA setzten sozialdemokratische Regierungen massiv unter Druck und drohten schnell einmal mit Sanktionen, wenn ihnen die Vorschläge einer Regierung zu sehr nach Sozialismus klangen. Seit dem Sturz von Chiles sozialdemokratischem Präsidenten Salvador Allende 1973 konnten sich sozialdemokratische Regierungschefs nicht einmal mehr ihres Überlebens sicher sein. Aufsehen erregte auch der bis heute ungeklärte Mord an Schwedens Premier Olof Palme 1987. Sozialdemokratische Regierungen mussten sich vorsichtig an das Mögliche herantasten, womit sie ihre linken Wählerinnen und Wähler oft enttäuschten.

Dazu kam die antikommunistische Stimmung im Allgemeinen, die viele eher nationalistisch eingestellte ArbeiterInnen von den Sozialdemokraten entfremdete. In diesem politischen Minenfeld, in dem sowohl zu konsequente als auch zu inkonsequente linke Politik von den WählerInnen und ArbeiterInnen bestraft wurde, überlebten linke Regierungen oft nicht lange.

 

Dritter Grund: Die Globalisierung

Zur Zeit des Marshall-Plans, in den Fünfzigern und Sechzigern, wuchs das Stellenangebot weit schneller als die Bevölkerung. ArbeiterInnen hatten ein wirksames Druckmittel gegen ihre Betriebe in der Hand: Blieben die Arbeitsbedingungen hinter der Konkurrenz zurück, konnten sie einfach die Stelle wechseln. Die Nachfrage nach Arbeitsstellen steuerte das Angebot – ein Zustand, der den Fabrikbesitzern sauer aufstiess. Sie begannen, offensiv für den Import von GastarbeiterInnen zu lobbyieren. Und als dies nicht reichte, um zu einem angebotsgesteuerten Stellenmarkt zurückzukommen, verlegten viele ihre Produktion schrittweise ins Ausland. Frei nach dem Grundsatz «Teile und herrsche» wurden Industriearbeitsplätze künstlich verknappt und Ressentiments gegen die GastarbeiterInnen geschürt.

Der fast kompletten Vollbeschäftigung tat dies keinen Abbruch: Regelungen wie das Schweizer Saisonnierstatut erlaubten die saubere, zynische Entsorgung nicht mehr benötigter Gastarbeiter, und der inländische Nachwuchs verlegte sich in den stark wachsenden Dienstleistungssektor. Dort griff die rechtsliberale Begleitrhetorik wohl am besten: «Arbeiter» wurde fast zum Schimpfwort, die neuen ArbeiterInnen mit Schreibmaschine und Drehstuhl nannten sich «Angestellte». Und obwohl die Gewerkschaften in vielen Ländern schnell auf diese Entwicklung reagierten, blieben die Mitgliedschaftsquoten weit hinter den Werten zurück, die sie in der Industrie nach wie vor erreichten. Der KV-Bereich ist bis heute eine wichtige Rekrutierungsstätte der FDP geblieben – notabene jene mit den tiefsten Löhnen. Eine Schar von mittlerweile digitalisierten FliessbandarbeiterInnen, die wegen ihrer schmalen, aber vorhandenen Aufstiegschancen von Anfang an Politik für Chefs macht.

Für die Schweiz war diese Entwicklung wohl die bedeutendste: Die Schweizer Büro-Arbeiterschaft verliess die Linke, weil sie sich nicht mehr als Arbeiterschaft sah. Die gute Konjunktur, die effektive institutionelle Umverteilung und das drohende Gespenst des Kommunismus betteten die Büro-Arbeiterschaft noch eine ganze Zeitlang auf Rosen, doch mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion fiel das ganze Kartenhaus der Trittbrettfahrer in sich zusammen. Seit nunmehr fast dreissig Jahren haben kurzsichtige Gier, ungehinderte Digitalisierung und das Fehlen eines gewerkschaftlichen Korrektivs Zehntausende von sicheren Büro-Arbeitsplätzen zu unbezahlten Praktikumsstellen und prekären Überstundenhöllen umgeformt.

 

An die Büro-Arbeiterschaft

Ihr nehmt mittlerweile Bedingungen hin, gegen die die Industrie-Arbeiterschaft der Zwischenkriegszeit auf die Strasse gegangen wäre. Ganztägige Verfügbarkeit per Mail und Telefon? Unbezahlte Praktika für fertig Ausgebildete? Überstunden schieben wegen Anstellungsstopps? Gegen solche Bedingungen kämpfte die Linke schon immer, und zumindest die Schweizer Linke tut es heute noch sehr verlässlich. Die Frage ist nicht, warum sich die Linke von der Arbeiterschaft entfernt hat, sondern eher, warum sich der grösste Teil unserer Arbeiterschaft nicht mehr zur Arbeiterschaft zählt.

Liebe Büro-ArbeiterInnen, die Schweizer Linke steht euch offen und vertritt eure Interessen. Dass das Führungspersonal aller Parteien hauptsächlich aus Reichen und BildungsbürgerInnen besteht, war schon immer so. Dieser Umstand ergibt sich aus den Wahlkämpfen, die uns sowohl Zeit als auch Geld abverlangen. Wenn ihr diese Ungerechtigkeit ändern wollt, bin ich sofort dabei (hier geht es zu einem Lösungsansatz). Bis dahin aber sind wir linken BildungsbürgerInnen alles, was ihr habt. Ihr könnt weiterhin aus Stolz Parteien wählen, die jenen Schichten dienen, zu denen sich mit Glück vielleicht fünf Prozent von euch jemals zählen können. Oder ihr könnt mit uns zusammen echte Verbesserungen für eure Lage erstreiten. Alles, was ihr uns zugestehen müsst, ist, dass wir uns für die Rechte aller einsetzen. Auch für AusländerInnen, IndustriearbeiterInnen, Homosexuelle und die Natur. Das widerspricht euren Zielen nicht.

Tretet einer Gewerkschaft bei. Unsere weltpolitische Drohkulisse ist weg, Streiks und Verhandlungen sind die Mittel, die uns bleiben. Und dafür brauchen wir Menschen und Finanzen. Zum zweiten Mal in der Geschichte sind wir, wie ihr auch, auf breite Unterstützung angewiesen.