Ich habe gerade ein geballtes Wochenende voller Freiwilligenarbeit hinter mir. Gestern fand der Mosttag in Unterentfelden statt, an dem ich jedes Jahr im Dienst meines Natur- und Vogelschutzvereins stehe. Heute war die Arbeit an meinem eigenen kleinen Förderprojekt für Hochstammgärten an der Reihe (mehr dazu folgt an dieser Stelle in einigen Wochen) und danach vier Stunden Wildrosenkartierung in Biberstein für meinen ehemaligen Arbeitgeber, den Jurapark Aargau. Alles in allem verbrachte ich einen Grossteil meines Wochenendes mit Freiwilligenarbeit, wie viele andere Aargauerinnen und Aargauer auch. Ob sie sich nun sozial engagieren, im Sport, in der Pflege von Angehörigen oder im Naturschutz – Hunderttausende von Menschen leisten in unserem Kanton unzählige Arbeitsstunden wertvoller Arbeit. Arbeit, die der Gesellschaft deutlich mehr nützt als mancher gut bezahlter Job bei Banken oder PR-Firmen. Dies war einer der Hauptgründe, weshalb ich letztes Jahr die Initiative zum bedingungslosen Grundeinkommen unterstützte. Wenn man Menschen Zeit und Raum gibt, zu tun, was sie möchten, kommt oft etwas Besseres heraus als in ihrer bezahlten Tätigkeit.

Zurzeit geht der Trend aber eher in die gegenteilige Richtung: Erhöhung der Arbeitszeit ist das Credo, obwohl niemand so genau weiss, was wir bis 67 arbeiten sollen, wenn uns doch schon ab fünfzig keiner mehr anstellen möchte. Während einige Unternehmen in Göteborg den Sechsstundentag einführten und trotz zwei täglichen Arbeitsstunden weniger ihre Produktivität aufrechterhalten, bleibt hierzulande die alte, maschinenhafte Arbeitsmoral am Ruder. Präsenzzeit ist das Mass aller Dinge, ob sie nun mit Arbeit oder Dahintrödeln verbracht wird. Gewisse Geister profitieren persönlich davon (Albert Einstein verlieh die langweilige Arbeit im eidgenössischen Patentbüro Zeit zum Nachdenken über Relativität und alles Mögliche), aber den meisten raubt die Arbeitszeit eher die Kreativität. Und die Arbeitgeber profitieren so oder so nicht davon. Nur sehen das die wenigsten von ihnen ein. Google wurde von einer Suchmaschine zum Konzern für alles, indem es seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Freiräume für eigene Projekte liess. Gleichzeitig bewahrte sich der gesichtslose Riese über die Menschlichkeit seiner Arbeitskräfte die Sympathie seiner Nutzer: Klar, die Suchmaschine mag mich gnadenlos ausspionieren und mir aufgrund früherer Suchen wichtige Ergebnisse vorenthalten… aber sie dreht sich im Kreis, wenn ich „Do a barrel roll“ ins Suchfenster tippe! Gut, vielleicht ist Google etwas zu gruslig für ein gutes Beispiel, aber die kreativen skandinavischen Firmen haben ähnlich positive Erfahrungen gemacht.

Wenn ich sehe, wie die Schweizerinnen und Schweizer um mich herum in ihrer freiwilligen Tätigkeit aufblühen, zweifle ich keinen Moment daran, dass eine Reduktion auf Sechs- oder Siebenstundentage auch hierzulande problemlos funktionieren würde. Die Produktivität würde nicht sinken, Betreuungs- und Gesundheitskosten hingegen schon. Man schaue sich nur mal die Statistiken zu psychischen Belastungsstörungen an. Wenn wir nur schon diese unnötige Volkskrankheit reduzieren könnten, wäre schon viel gewonnen. Aber bisher zeigt leider kaum eine Firma so viel Vertrauen in ihre Mitarbeitenden, dass sie es wagt, die Arbeitszeit zu senken. Man bleibt eben im Zweifel bei dem, was man kennt – selbst wenn es Millionen von Menschen völlig unnötig einen Zwölftel ihres Erwachsenenlebens raubt.

Deshalb müsste die Politik hier nachhelfen. Wo bleibt der Pilotversuch zur Arbeitszeitreduktion? Abgesehen von den Departementen für Gesundheit und Soziales, die von kürzeren Arbeitszeiten in der Privatwirtschaft profitieren könnten, müssten doch auch die Ämter selbst an gesundem, ausgeruhtem, kreativem Personal interessiert sein. Ich werde mich als Grossrat jedenfalls gerne dafür einsetzen, dass ein solcher Pilotversuch zustande kommt.