Die Grossratswahlen sind vorbei, und sie teilen die politische Landschaft in eine strahlende Gewinnerin (die SP), viele Stagnierte und mindestens ebenso viele Verlierer. Die Mitteparteien haben durchs Band Sitze lassen müssen, und einige bekannte Grossräte wurden abgewählt. Dem letzteren Umstand verdanken wir eine weitere Verliererin dieser Wahl: Pro Natura Aargau. Ihr Aushängeschild Johannes Jenny (FDP) wurde durch einen parteiinternen Angriff abgewählt und sieht sich nun einer Allianz aus FDP-Wählern und Katzenfreunden gegenüber, die ihn auch als Pro-Natura-Geschäftsführer absetzen wollen. Die Naturschutzorganisation hat klar auf das falsche Pferd gesetzt und steht nun vor einem personellen Scherbenhaufen.

Johannes Jenny versuchte den Spagat zwischen einer Partei der Betonschleudern und einer Organisation, die Naturschutzgebiete betreut. Das Resultat ist ernüchternd: Sein Umweltrating lag meilenweit hinter sämtlichen linken Kandidatinnen und Kandidaten zurück, und bei einigen der verheerendsten Abbauvorlagen reichte sein Gewissen gerade einmal für eine Enthaltung. Seiner Partei ging er damit allerdings immer noch zu weit, und die Zementfans kippten ihn für sein lauwarmes Engagement nun aus dem Rat.

Da stellt sich doch die Frage, warum sich Pro Natura gerade einen FDP-Politiker für dieses Amt ausgesucht hatte. Ein Blick in die NGO-Landschaft der Schweiz zeigt, dass dies eher die Regel ist als die Ausnahme. FDP- und CVP-Politiker sind äusserst beliebt als Aushängeschilder, da viele Organisationen denken, sie könnten so die Mitte-Rechts-Parteien, ihre Wählerschaft, die Wirtschaft oder potente Geldgeber auf ihre Seite ziehen. Der Fall Jenny zeigt, dass zumindest ersteres eine irrige Annahme ist. Ausser einzelnen Exponenten ist in diesen Parteien nichts zu holen. Und in einem Kanton mit bürgerlicher Zweidrittelmehrheit bringen einzelne Köpfe nichts. Auch die Wählerschaft goutierte die Strategie nicht.

Und was ist mit der Wirtschaft? Da sieht es eher aus, als ob die Wirtschaft die Naturschutzorganisationen von sich überzeugen konnte, nicht umgekehrt. Pro Natura Aargau verscheuchte mit ihren aggressiven Vermarktungsvorgaben den Wirt ihrer Gastwirtschaft „Juraweid“, und der Vorstand steht des Öfteren intern und extern in der Kritik, zu gewinnorientiert zu denken. Ähnliche Muster zeigen sich noch viel stärker beim WWF, insbesondere in der Ära des FDP-Mitglieds Hans Peter Fricker, sowie bei den grossen amerikanischen Organisationen Conservation International und The Nature Conservancy, die unter zunehmend neoliberaler Führung stehen. Vor allem der WWF steht unter Beschuss, weil er immer wieder Firmen für Alibiübungen und Mitnahmeeffekte über Gebühr lobt. Alle drei Organisationen werden zudem oft kritisiert, weil sie grossspurige High-Tech-Lösungen ohne erwiesenen Effekt grosszügig fördern und auch die kleinsten und zweifelhaftesten Erfolge zu grossen Veränderungen hochstilisieren. Und noch beunruhigender: Eine oder mehrere NGOs in der Anti-Atom-Allianz wollen nicht einmal mehr ihre Geldgeber offenlegen (kritisiert werden dafür nun durch ungeschickte Kommunikation und hetzerische Rechtsmedien wir Grünen). Von blinder Gewinnsucht über dunkle Geldquellen bis zu Positiv-Bullshit in den Medienmitteilungen – Naturschutzorganisationen übernehmen unter der Führung von Businessmenschen all die schlechten Eigenschaften unserer Privatwirtschaft.

Warum um Himmels Willen tun sich diese Organisationen so etwas an? Mit Linken und Grünen im Vorstand und in den Geschäftsleitungen hätten es viele konsequente und mutige Lösungen einfacher. Schliesslich vergeben die Verbände auf der rechten Seite ihre Posten ausschliesslich an Gesinnungstreue. Aber die wenigsten grösseren Organisationen gehen bei der Besetzung von Posten nach Umweltrating, im Gegenteil: Wer schon konsequent für den Naturschutz stimmt, den muss man ja nicht mehr zusätzlich fördern. Aber genau hierin besteht die Fehlüberlegung. Hohe Posten bei Naturschutzorganisationen sind oft gute Plattformen, um sich zu profilieren. Johannes Jenny hat einen grossen Teil seiner Bekanntheit und so manches AZ-Interview seinem Job zu verdanken.

Man stelle sich vor, diesen Job hätte ein Grüner bekommen. Ausserhalb von Wahlen und Skandalen sind Grüne in den Medien kaum vertreten – wer sich mit einem Vereinsamt profilieren kann, erreicht so eine unübertroffene Reichweite und sammelt bei jeder Wahl Stimmen, die sonst nicht an die Grünen gehen würden. Zwei, drei solcher Menschen auf den vorderen Listenplätzen könnten uns schon einen zusätzlichen Grossratssitz sichern. Und damit einen Sitz, der freiwillig und konsequent im Einklang mit Pro-Natura-Forderungen abstimmt.

Es ist ja nicht so, dass dies das Bild verändern würde, das die Aargauerinnen und Aargauer von Naturschutzorganisationen haben. Sie sehen diese Organisationen ohnehin schon als links, völlig unabhängig von der Realität. In Linn, wo die Jurapark-Geschäftsstelle steht, wurden wir jeweils „die Grünen“ genannt, obwohl in unserem Team von Linksaussen bis FDP alles Mögliche vertreten war und unser Vorstand fast so konservativ war wie das Fricktal selbst. Und trotz diesem Bild arbeiteten auch stockkonservative Bauern und erzliberale Holzfirmen mit uns zusammen. Wahrscheinlich hat Pro Natura so einige Spender, die FDP wählen und Pro Natura als linke Organisation sehen – und sie spenden trotzdem.

Naturschutz ist eben ein linkes Anliegen. Das ist in den Köpfen so verankert, aber hält kaum jemanden davon ab, Naturschutzorganisationen zu unterstützen. Genau wie ich als Linker mit meiner neoliberalen Kundenberaterin bei der Bank auskomme, mit konservativen Busfahrern oder mit CVP wählenden Dozenten, kommen Rechte mit linken Naturschützern ganz gut zurecht (offenbar sogar besser als mit rechten). Nun ist es an den Naturschutzorganisationen, nachzuziehen und ihre Postenvergabe zu überdenken.