In den letzten Tagen ist mir wieder einmal aufgefallen, wie verzerrt das Bild einer breiten Bevölkerungsschicht gegenüber der Linken ist und warum: Einerseits erschien eine Welle von Artikeln zu Sexualstraftaten, die in unserer Gesellschaft ungenügend geahndet und bestraft werden – und unter jedem war innert einer halben Stunde mindestens ein Kommentar, der die Worte „linksgrüne Kuscheljustiz“ beinhaltete (dazu später). Andererseits erschien eine erfreuliche Umfrage im Tages-Anzeiger, die zeigte, wie mehrheitsfähig heute zahlreiche Anliegen von Schwulen, Lesben und Transmenschen sind. Drin zitiert: Bastian Baumann, Geschäftsführer von Pink Cross, mit den Worten „Dabei sind die Rechte von Schwulen und Lesben längst kein linkes Thema mehr“.

Nicht? Nur weil sich seit sehr kurzer Zeit auch eine Mehrheit der Mittewähler für LGBT-Rechte einsetzt, sind sie kein linkes Thema mehr? Die jahrzehntelange alleinige Unterstützung der Linken geht einfach so vergessen? Sobald ein linkes Thema mehrheitsfähig ist, ist es plötzlich kein linkes Thema mehr. Die Wendehälse werden gebauchpinselt, die alten Unterstützer eher verschämt unter den Teppich gekehrt. Das ging bei der AHV so, beim Mutterschaftsurlaub, bei der Legalisierung der Homosexualität, bei der Kriminalisierung der Vergewaltigung in der Ehe und zuletzt beim Atomausstieg. Allesamt grundlinke Anliegen, jahrzehntelang, bis kurz vor ihrer Annahme. Dann wurden sie plötzlich mehrheitsfähig und waren laut unseren Medien und oft sogar laut den Unterstützungskomitees keine linken Anliegen mehr.

Das würde mich ja nicht im Geringsten stören, wenn es allen Anliegen so ginge. Aber nein, SVP-Vorlagen bleiben auch nach ihrer Annahme noch rechte Vorlagen. FDP-Anliegen bleiben FDP-Anliegen, und CVP-Ideen bleiben sogar CVP-Ideen, wenn sie es nie waren. Dies hat einen Grund: die Kommunikation. Bei uns Linken haben Idealisten das Sagen. Oberstes Ziel ist das Erreichen einer Änderung der Verhältnisse. Wenn man dazu eine jahrzehntelang gehegte und ausgearbeitete Idee dem politischen Gegner überlassen muss, dann tut man dies. So hat sich die Tradition eingependelt, dass linke Anliegen in den Parlamenten und im Volk erst dann angenommen werden, wenn sie aus dem Mund eines CVP-, FDP- oder GLP-Politikers kommen. Die Medienmitteilungen der linken Parteien bejubeln diesen Schritt meist altruistisch und teilen das Lob. Nirgends findet man die Worte: „Wir haben es euch seit dreissig verdammten Jahren gesagt. Danke für die Annahme dieser linken Idee, ihr verkappten Links-Sympathisanten, das nächste Mal bitte ein paar Jahrzehnte früher!“

Diese Tradition der taktischen Selbstverleugnung führt dazu, dass das Kleinbürgertum gefahrlos linke Anliegen unterstützen kann, ohne der Anrüchigkeit des Linksseins zu unterliegen. Dies brachte zwar einige bahnbrechende Ideen in unsere Verfassung, aber auf lange Sicht schadet es uns Linken. Das Bild, das viele Schweizerinnen und Schweizer von uns haben, wird dadurch arg verzerrt. Wofür sich die Linken wirklich einsetzen, scheint breiten Bevölkerungsschichten unbekannt zu sein.

Nur so lässt es sich erklären, dass Dutzende Kommentatoren bei lasch bestraften Vergewaltigern „linksgrüne Kuscheljustiz“ schreien, auch wenn die Realität ganz anders aussieht. Die zahnlosen Gesetze und Gerichtspraktiken gegen sexuellen Missbrauch stammen aus konservativen Federn, und ihre Verschärfung wird von rechts torpediert. Als Paradebeispiel kann man die Vergewaltigung in der Ehe zitieren, deren Kriminalisierung als Offizialdelikt mehrmals von einer breiten Mitte-Rechts-Mehrheit verworfen wurde, bevor sich CVP und FDP viel zu spät und nicht einmal ganz geschlossen dahinter stellten – im Jahr 2004! Dass nach all den harten linken Kämpfen um eine bessere Strafverfolgung von Sexualverbrechern immer noch ein völlig verqueres Bild der Mehrheitsverhältnisse vorherrscht, zeigt doch, dass wir mit unserer Selbstverleugnung medial völlig versagt haben.

Wir könnten nun auf diesem Weg weiterfahren und uns als stumme Helden im Hintergrund fühlen. Die Crux dabei: Unsere Kämpfe werden nie einfacher. Unsere Anliegen kommen mit dieser Strategie auch in Zukunft stets ein halbes Jahrhundert zu spät zustande, und die Lorbeeren dafür werden Andere ernten. Denn jedes Mal starten wir von Null, mit einer Bevölkerung, die denkt, dass von uns eh nie etwas Gutes kommt. Wäre es diesen Menschen klar, wie vielen linken Vorlagen sie bereits zugestimmt haben, wären sie uns gegenüber von vornherein aufgeschlossener. Das Verrückteste am Schweizer Kleinbürgertum ist nicht, dass rechtsextreme Ideen salonfähig sind, sondern, dass sogar die moderatesten linken Ideen nicht salonfähig sind, solange sie das Label „links“ tragen.

Dies müssen wir dringend ändern, sonst bleiben wir die Don Quichotes vom Dienst. Dies ist zwar ein romantisches Selbstbild, mit dem auch ich mich immer wieder zu motivieren pflege. Aber letztlich wäre es doch schön und wertvoll, auch mal nicht eine ganze Generation lang für eine Idee kämpfen zu müssen.

So ein Sinneswandel wird nicht einfach. Wir werden wohl noch einige Niederlagen mehr einstecken müssen, als wir ohnehin schon ertragen müssen. Aber letztlich wird es sich lohnen. Wenn wir in einer Schweiz leben, in der jeder offen eine linke Idee unterstützen kann, wird uns das Mitgestalten leichter fallen. Vielleicht erreichen wir Linken dann sogar einmal mehr als 25% bei den Aargauer Grossratswahlen. Ich möchte in einer Schweiz leben, in der sich auch ein Automechaniker, eine konventionelle Bäuerin, ein KV-Stift, eine Bankerin oder ein Stammtischgänger für eine linke Idee aussprechen darf, ohne von seinem Umfeld misstrauisch beäugt zu werden. Ich möchte in einer Schweiz leben, die Windfahnen und Wendehälse weniger belohnt als treue, langjährige Kämpferinnen. Ich möchte in einer Schweiz leben, die Gleichstellungsgesetze früh verabschiedet, und nicht erst kurz bevor sie vom Menschenrechtsgerichtshof dazu gezwungen wird.

Also auf, linke Mutbürgerinnen und Mutbürger! Wenn ihr für eine Vorlage einsteht, scheut nicht vor dem Wörtchen „links“ zurück. Wenn ihr mit Unterstützung der Mitte gewinnt, lobt sie nicht nur in eurer Pressemitteilung, sondern geisselt sie auch für ihre Jahre der Untätigkeit. Beides ist verdient. Wenn ihr einen Kommentar seht, der die Rolle der Linken ins Gegenteil verdreht, widersprecht mit Argumenten. Wenn ihr jemanden sagen hört, ein linkes Anliegen sei keines, widersprecht ebenso. Erst wenn auch dem hinterletzten Gölä-Anhänger ins Bewusstsein gerückt ist, dass einige seiner Ansichten links sind und dies nichts ist, wofür er sich zu schämen braucht, werden wir eine halbwegs faire Chance haben, gute Ideen in nützlicher Frist durchzubringen.