Die letzten beiden Samstagmorgen verbrachte ich auf der Strasse an Standaktionen in Aarau. Mit einem freundlichen „Guete Morge, händ Sie scho gwählt?“ drückte ich den Vorbeihastenden wahlweise grüne Werbung in die Hand oder dankte ihnen für ihre Stimme. Weit über die Hälfte der angesprochenen Aargauerinnen und Aargauer gaben an, wählen zu wollen oder bereits gewählt zu haben.

Schön wär’s. Statistisch betrachtet hat die Hälfte von ihnen gelogen. Eine Umfrage zur Wahlbeteiligung zeigte kürzlich, dass wohl nur unwesentlich mehr an die Urne gehen werden als vor vier Jahren. Damals waren es ganze 32%; vor allem Männer, ältere Semester und wohlhabende Schichten. Sprich: Wer in der letzten Legislaturperiode die reichsten 17% des Stimmvolks vertrat, die chauvinistischsten 17% oder die 17% mit der kürzesten verbleibenden Lebenszeit, hatte eine Mehrheit im Parlament. Dessen Beschlüsse sahen dann auch genau so aus: Gespart wurde auf dem Buckel der Ärmsten, eine elegante Kinderbetreuungsvorlage wurde durch einen zahnlosen Papiertiger ersetzt, und es wurden Leistungen abgebaut, als gäbe es kein Morgen mehr.

Dass der Rest des Stimmvolks mit diesem Abbaukurs nicht einverstanden war, zeigte sich im erfolgreichen Referendum gegen das irreführend benannte Sparpaket „Leistungsanalyse“. Damals gingen mehr Menschen an die Urne als bei den letzten Grossratswahlen, eine deutliche Mehrheit sagte Nein. Offenbar sehen sich viele lieber als Korrektiv eines schlechten Parlaments denn als Bestimmer eines guten.

Eine gefährliche Einstellung – denn lang nicht alle Sparpakete und Steuergeschenke kommen vors Volk. Genau wie die Entscheide über die Konzerne, an denen der Aargau Teilhaber ist und deren Verwaltungsräte unter anderem nach Parteienstärke ausgesucht werden. Stört Sie, dass die Axpo nicht in erneuerbare Energien investiert und stattdessen Millionen für Lobbying und unnötige Werbung ausgibt? Tja, das wird sich nie ändern, solange eine Mitte-Rechts-Mehrheit in unserem Grossen Rat sitzt. Darüber können Wählerinnen und Wähler entscheiden; stimmende Nichtwähler hingegen überhaupt nicht.

Mit dem ständigen Lob auf unsere direkte Demokratie geht zuweilen vergessen, dass die allermeisten Entscheide auch hierzulande indirekt gefällt werden, von gewählten Köpfen. Alles andere wäre auch nicht praktikabel. Stimmende Nichtwähler mögen sich vielleicht als politische Akteure fühlen – faktisch aber haben sie wenig Entscheidungsgewalt, und selbst diese beschränkt sich in vielen Bereichen immer mehr auf Symbolpolitik.

Hier nun die häufigsten Argumente, die ich von stimmenden Nichtwählern höre:

1.      „Ich kann mich mit keiner Partei voll identifizieren/Ich finde, Parteien sind generell Schwachsinn.“ – Na und? Ich stimme mit meiner eigenen Partei auch nicht vollständig überein. Aber mit anderen noch deutlich weniger. Mit Tools wie Vimentis und Smartvote finden alle die Kandidierenden, die ihre Meinung am besten vertreten.

2.      „Die da oben machen ja eh, was sie wollen.“ – Nein, machen sie nicht. Sie vertreten ihre Klientel, eine kleine, aber disziplinierte Minderheit. Dass sie damit schon eine Mehrheit erreichen, ist unter anderem deine Schuld.

3.      „(Kantonale) Politik interessiert mich nicht so.“ – Warte nur auf die nächste Prämienrechnung. Oder darauf, dass du mal mit schulpflichtigen Kindern in einen anderen Kanton ziehst. Oder auf das nächste Hochwasser. Politik ist ein notwendiges Übel, also informier dich und geh wählen.

Wer stimmt, sollte auch wählen. Denn wer nur stimmt und nicht wählt, entscheidet meist über wenig relevante Themen mit grossem Medienhype. Viele wichtige Fragen werden im Grossen Rat entschieden. Wer sich da nicht angemessen vertreten lässt, ist selber schuld.