Liebe AZ-Redaktion

Soso, mein Plakat ist also eine „Kabelbinder-Orgie“. Ja, es benötigt mehr Kabelbinder als andere, aber dafür sorgt es für so viel Aufmerksamkeit, dass ich mit einer rekordtiefen Anzahl Plakate auskomme. Ich habe gerade mal zwölf Plakate an acht Laternen und einem Fensterladen (letzterer Standort kommt ohne Kabelbinder aus). Macht 152 Kabelbinder und zwölf Hohlkammerplakate. Die meisten anderen Plakatierenden haben mindestens 50 Plakate an 25 Standorten, mit sechs Kabelbindern pro Standort. Materialverbrauch: 150 Kabelbinder und 50 Hohlkammerplakate. Ich benötige also ganze zwei Kabelbinder mehr als die anderen, aber dafür spare ich 38 Plakate ein, von denen jedes eine weitaus schlechtere Ökobilanz aufweist als ein Kabelbinder.

Das hätte ich euch innert einer Minute am Telefon sagen können. Oder per WhatsApp schreiben, so wie ich schon letzte Woche einem meiner Wähler genau dieselbe Frage beantwortet habe. Meine Nummer hattet ihr ja; sie war in derselben E-Mail wie das Bild dazu. Aber nein, ihr schreibt einen völlig aus der Luft gegriffenen Vorwurf in euer Blatt und stellt mich und andere einigermassen kreative Kandidaten als verzweifelte Gestalten auf Wählerfang dar. Pikanterweise kommen die Mitte-Links-Kandidaten im Artikel deutlich schlechter weg als Mitte-Rechts-Kandidaten, deren aufgeführte Aktionen teilweise die Frage aufwerfen, was ihr unter dem Wort „Schmunzeln“ versteht. Trotzdem kriegen sie Lob, während für wirklich Kreative eher Häme übrig bleibt.

Wir erleben gerade einen der langweiligsten Grossratswahlkämpfe der Aargauer Geschichte. Unter den Kandidierenden hat kaum jemand eine Aussage auf seinem Plakat, der Wald von Gesichtern und schlecht lesbaren Namen stumpft die Wählerinnen und Wähler regelrecht ab. Und das bei einem Gremium, das über so viele wichtige Bereiche unseres Lebens entscheidet und dessen Entscheide selten so unpopulär waren wie in den letzten vier Jahren. Aber verliert ihr auch nur eine Zeile darüber, dass hier eine ruinöse Sparpolitik totgeschwiegen wird? Nein… Die AZ selbst schreibt ja auch kaum je über die sachpolitischen Entscheide im Grossrat. Im von rechts gewollten Nebel der Langeweile spielt ihr selbst eine Hauptrolle.

Aber in der Wahl eurer Themen seid ihr ja frei. Was mich mehr stört, ist der schlechte Journalismus. Hättet ihr den Anstand gehabt, nachzufragen, hätte ich euren Vorwurf innert Kürze widerlegen können. Aber nein, „Höhö, der Grüne verschwendet Plastik!“ ist euch Quelle genug. Und dies nach mehreren desaströsen Präzedenzfällen, in denen ihr genau dasselbe mit Grünen Politikern gemacht habt. Bei einem missverständlichen Tweet von Jonas Fricker reichten euch weniger als 140 Zeichen, um mit einem Artikel und einem Kommentar voller Spekulationen und Unwahrheiten eine Seite zu füllen. Nachfrage? Fehlanzeige.

Die Grünen treffen eure Praktiken am schlimmsten, aber auch viele andere Politikerinnen und Politiker leiden unter eurer durchs Band negativen Berichterstattung. Jeder Artikel über Plakate ist ein Verriss. Und nicht nur ein Verriss der schlechten und langweiligen Exemplare; alle. Es reicht, eine Fliege zu tragen. Eure Interviewfragen sind teilweise so aggressiv formuliert, dass selbst gute Redner keine zufriedenstellende Antwort darauf formulieren könnten. Ihr verwechselt regelmässig kritisch mit feindlich oder herablassend, mit dem Resultat, dass sich Zyniker und Populisten bei der Lektüre eures Blatts in ihrer Ansicht bestätigt fühlen. Alle (linken) Politiker sind schlecht und korrupt, es steht schliesslich in der Zeitung.

Mit eurer konfliktorientierten Berichterstattung vergrössert ihr aber auch fahrlässig den Graben zwischen armen und reichen Kandidierenden. Wer die Wahl hat zwischen einem Portrait voller Anschuldigungen und einem Inserat oder Plakat ohne Widerspruch, nimmt letzteres. Wie Joel Blunier, der als einziger Mitte-Links-Politiker auf eurer Seite über Wahlaktionen „zum Schmunzeln“ ungeschoren davonkommt – weil er im Adspace ungestört grinsen kann. Wer Geld hat, kann also unwidersprochen alles Mögliche sagen, während dem Rest die Wahl zwischen Schweigen und einer negativen Darstellung bleibt. Bezahlen oder Verriss – das ist weniger eine Medienstrategie als eine Mafiataktik.

Momentan erodiert ihr das Vertrauen der Wähler in die Politik und das Vertrauen von Mitte-Links in eure Medien. Ihr verstärkt die finanziellen Ungerechtigkeiten im Wahlkampf und tragt dazu bei, dass der Grossrat ohne grossen Aufschrei im Volk ruinöse Sparentscheide treffen kann, weil kaum jemand hinsieht. Mein Rat: Sucht nicht überall den Konflikt. Zerreisst Politiker meinetwegen in der Luft für Lügen und Fehlentscheide, aber bitte für bewiesene und nicht erfundene. Sprecht mit ihnen, bevor ihr eine Anschuldigung druckt, denn vielleicht liegt ihr ja nachweisbar falsch. Wenn ein Politiker, egal welcher Couleur, etwas gut macht, lobt ihn auch mal. Sonst gewinnen nur jene, die viel Geld in ihren Wahlkampf stecken können. Und glaubt nicht, dass sie auch noch Zwei-Millionen-Werbedeals mit euch abschliessen, wenn ihr ihnen die absolute Mehrheit verschafft. Eure Inserate werden nur so lange gebraucht, wie das Ergebnis der Wahlen offen ist. Mit eurem journalistischen Machtmissbrauch schiesst ihr euch letztlich selbst ins Bein.

In diesem Sinne: Weidmannsheil zum nächsten Fehlschuss!
Daniel Ballmer