Ich träume von Parlamenten, in denen ein Querschnitt der Gesellschaft sitzt und entscheidet.

Wir leben theoretisch in einem der fairsten Wahlsysteme der Welt. Alle Schweizerinnen und Schweizer über 18 Jahre sind stimm- und wahlberechtigt, ungeachtet ihres Geschlechts, ihres Einkommens, ihres Berufs und ihrer Herkunft. Und trotzdem sitzen in jedem einzelnen Parlament der Schweiz deutlich mehr Männer als Frauen, kaum Menschen aus tiefen Einkommensschichten, wenige unter vierzig und kaum welche mit Migrationshintergrund.

Die Erfahrung zeigt weltweit, dass Wahlen ein völlig untaugliches Instrument sind, um eine Bevölkerung abzubilden. Die Zwänge des Wahlkampfs führen dazu, dass Menschen mit wenig Zeit oder Geld kaum Chancen haben. Zudem sieben Wahlen die Kandidierenden nach den falschen Kriterien aus – gewählt wird, wer sympathisch wirkt und sich gut selbst inszenieren kann. Diese Charakterzüge haben nichts mit den Qualitäten zu tun, die man braucht, um gute Entscheidungen zu treffen. Im Gegenteil: Gewählte PolitikerInnen sind überdurchschnittlich narzisstisch und selbstzufrieden, was die Fähigkeit zur Selbsthinterfragung reduziert. Dies hat zur Folge, dass sich unsere Gewählten zu wenig weiterbilden und Meinungen, die sie einmal gebildet haben, kaum mehr ändern.

Ich träume von einer Gesellschaft, die sich nicht weiter mit Wahlen herumschlägt und selbst im Parlament Platz nimmt. In meiner Vision werden die Parlamentsmitglieder ein Jahr im Voraus ausgelost. Sie erhalten einen Monat Zeit, um das Amt anzunehmen oder abzulehnen, und ein Jahr politischer Bildung. Sie lernen sauber und umfassend, wie unser System aufgebaut und historisch gewachsen ist, welche Gestaltungsmöglichkeiten sie im Parlament haben und wo ihre eigene politische Philosophie einzuordnen ist. Die Arbeitgeber von Kantonsparlamentarierinnen sind gesetzlich verpflichtet, eine Pensumreduktion hinzunehmen, und werden für den Mehraufwand entschädigt. Nationale ParlamentarierInnen erhalten einen guten Lohn, dürfen aber dafür keinerlei bezahlte Nebenämter annehmen. Im Jahr vor ihrem Ausscheiden aus dem Parlament erhalten sie Unterstützung für den Wiedereinstieg in ihren Beruf.

Mit diesem System hätten Korruption und Lobbyismus viel weniger Ansatzpunkte. Einzelinteressen aus Wirtschaft und Finanzwesen hätten einen deutlich schwierigeren Stand, und alle grösseren Bevölkerungsgruppen wären angemessen repräsentiert. Repräsentation per Los wurde bisher ein einziges Mal längerfristig ausprobiert, in der ersten Demokratie der Welt in Athen, und sie war eine 400-jährige Erfolgsgeschichte. Die Athener Demokratie war das erste und bisher einzige politische System, das die wirtschaftliche Macht fast vollständig von der politischen Macht entkoppelte. Auf ihren Erfahrungen aufzubauen, ist der sicherste Weg, unsere Politik für alle statt für wenige arbeiten zu lassen.

Ich träume von einer Gesellschaft ohne Armut und sinnlose Arbeit.

Ich hatte das Privileg, im oberen Mittelstand aufzuwachsen. Mehrmals in meinem Leben konnte ich mir dank meiner finanziellen Sicherheit Zeit nehmen, meine Zukunft sorgfältig zu planen und Ideen genau auszufeilen. Nur darum konnte ich floretia.ch entwickeln und naturnahes Gärtnern für alle zugänglich machen. Nur darum konnte ich in meiner Masterarbeit das über hundertjährige Rätsel der Evolutionsgeschichte der Hundsrosen lösen. Die allermeisten Fortschritte, Entdeckungen und Erfindungen der Menschheit – kleine wie grosse – wurden von Menschen gemacht, die sich richtig Zeit dafür nehmen konnten.

Armut und finanzielle Unsicherheit hingegen führen zu einem Tunnelblick, zu kurzfristigem Denken und zu einem temporären Verlust von mehreren IQ-Punkten – für Working Poor genauso wie für Arbeitslose, die mit sinnlosen Auflagen und Beschäftigungsprogrammen zugemüllt werden. Armut ist ein Verbrechen der Gesellschaft an ihren unglücklichsten Mitgliedern. Man stelle sich vor, wie viel schneller die Menschheit ihre grössten Probleme lösen könnte, wenn alle von uns Zeit hätten, sich Gedanken darüber zu machen und eigene Ideen zu entwickeln. Wie viel durchdachter wären unsere politischen Entscheide?

Gleichzeitig sorgt die Abhängigkeit von einem Arbeitseinkommen dazu, dass sinnlose Stellen erhalten bleiben. Laut Umfragen in Grossbritannien und Holland sagen etwa 40% aller arbeitenden Menschen, dass ihre Stelle keinerlei gesellschaftlichen Sinn hat. Dieser Zustand schadet der Gesundheit der Direktbetroffenen, und er schadet der Gesellschaft als Ganzes, weil sinnlose Jobs Unmengen von Ressourcen verschwenden. Der amerikanische Ökonom David Graeber beschreibt dieses Problem wunderschön in seinem Buch «Bullshit Jobs – a Theory».

Es gibt einen würdevollen, eleganten, unbürokratischen Weg, beide Probleme zu lösen: die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens, das ein würdevolles Leben ermöglicht. Nach Dutzenden grösserer Experimente auf vier Kontinenten wäre es an der Zeit, dass endlich ein Land den Schritt macht vom alten Almosen-Sozialsystem zu einer bedingungslosen Grundsicherung. Und welches Land wäre besser dafür geeignet als das reichste Land der Welt?

Ich träume von einem Land, das alle nach ihren Möglichkeiten mitfinanzieren.

Wir leben in einem Wirtschaftssystem, das mehr und mehr Geld von den Arbeitenden zu den Habenden pumpt. Mit der Automatisierung und Digitalisierung vieler Berufe wird sich diese Ungleichheit noch verstärken. Es wird immer mehr Geld für Maschinen und Algorithmen ausgegeben und immer weniger für Arbeit. Gleichzeitig werden Vermögen und Unternehmensgewinne immer tiefer besteuert, was dazu führt, dass sich unser Staat zu einem grossen Teil aus Einkommens- und Konsumsteuern finanziert. Das ist nicht nur hochgradig unfair, sondern auch kurzsichtig. Und hier ist noch nicht einmal die grassierende Steuerhinterziehung mit einbezogen, die uns jedes Jahr Milliarden kostet.

Ich träume von einem gerechten, schlanken, sicheren und einfachen Steuersystem. Kern davon ist eine sogenannte Mikrosteuer auf Finanztransaktionen. Soll heissen: Jede digitale Transaktion, ob nun eine Lohnzahlung, ein Aktienkauf oder eine Miete, wird mit einem winzigen Satz besteuert. Bereits mit einem Satz von 0,03% könnten wir 60 Milliarden Franken im Jahr generieren und im Gegenzug die direkte Bundessteuer, die Mehrwertsteuer und die Stempelabgabe abschaffen. Mit 0,07% könnten wir zudem alle Kantons- und Gemeindesteuern ersetzen. Eine Mikrosteuer in dieser Grössenordnung bedeutet für eine Schweizer Normalverdienerin wenige Hundert Franken Steuern im Jahr – ganz ohne Steuererklärung und sauber übers Jahr verteilt. Stärker zur Kasse gebeten werden Reiche und Unternehmen.

Selbst die Nebeneffekte einer Mikrosteuer sind durchwegs positiv: Komplexe Firmenstrukturen, die alle Einnahmen x-mal hin- und herschieben, werden damit wenig rentabel. Ganz verschwinden würde der Hochfrequenzhandel an der Börse. Dieser wenig bekannte computergesteuerte Handelszweig nutzt kleinste Kursveränderungen für winzige Gewinne und hat verheerende Auswirkungen: Jede Kursschwankung wird durch den Hochfrequenzhandel zusätzlich verstärkt, oft sogar verdoppelt, was unser Finanzsystem instabiler macht. Mehr über die Mikrosteuer findest du unter www.mikrosteuer.ch.

Ich träume von einer Landwirtschaft, die mit der Natur arbeitet statt gegen sie.

Die letzten hundert Jahre Schweizer Landwirtschaftsgeschichte sind eine Geschichte des Kampfs gegen natürliche Dynamiken. Wer Hunderttausende genetisch identische Pflanzen nebeneinander ziehen will, muss gegen Krankheiten und Insekten vorgehen, und er laugt mit seiner Monokultur unweigerlich den Boden aus. Hundert Jahre Kunstdünger und Pestizide haben uns zwar recht hohe landwirtschaftliche Erträge beschert, aber auch Hunderte von Tier- und Pflanzenarten im Mittelland ausgerottet, unser Wasser verseucht und ganze Landstriche überdüngt.

Das geht viel besser. Wer mit Vielfalt arbeitet statt gegen sie, hat höhere Erträge und viel kleinere Umweltschäden. Versuche rund um die Welt zeigen, dass Mischkulturen mit hoher Sortenvielfalt die höchsten und stabilsten Erträge pro Flächeneinheit bringen. Und dies in jeder einzelnen Sparte – vom Frucht-, Gemüse- und Getreideanbau über Wiesen bis hin zur Forstwirtschaft. Das Problem: Mischkulturen sind meist arbeitsintensiver als Monokulturen, und Arbeit ist teuer. Aber das ist nur so, weil die meisten Landmaschinen eigens für Monokulturen entwickelt wurden.

Ich träume von einer Schweizer Landwirtschaftspolitik, die unseren Bauernbetrieben neues Leben einhaucht und nicht nur den schädlichen und teuren Status quo finanziert. Ich träume von einem Bundesamt für Landwirtschaft, das in die Entwicklung von leichten, selbstfahrenden Landmaschinen investiert, die mit Mischkulturen zurechtkommen und den Boden nicht verdichten. Ich träume von einer Landwirtschaftspolitik, die giftfreie Produktion, Sortenvielfalt und erprobte Mischkultur-Strategien mit mehr als bloss schönen Worten fördert. Einer Politik, die umweltschädliche Produktionsformen gar nicht mehr finanziert und die Bauern und Bäuerinnen entsprechend weiterbildet.

Aus diesen Gründen unterstütze ich die Pestizid-Initiative, die Trinkwasser-Initiative und die Doppelinitiative Biodiversität und Landschaft der Umweltverbände. Alle drei sind nötige Schritte in die richtige Richtung.

Ich träume von einer 100% erneuerbaren Energieproduktion.

Zwölf Jahre verbleiben uns, um unseren Treibhausgas-Ausstoss netto auf Null zu senken. Sonst drohen eine Erderwärmung von mehr als 1,5° und mit ihr zahlreiche klimatische Teufelskreise, die zu einer weiteren Erwärmung führen und kaum mehr aufzuhalten sind. Technisch ist diese Absenkung anspruchsvoll, aber möglich. Wir müssen sie nur finanzieren und politisch den Weg dafür ebnen.

Deshalb unterstütze ich die Gletscher-Initiative, die Bewegung für Netto Null im Jahr 2030, die kantonale Initiative «Klimaschutz braucht Initiative», den gesamten Forderungskatalog der Klimastreik-Bewegung und viele weitere Vorlagen zur Energiewende. Insbesondere jede Anstrengung, die Banken, Pensionskassen und öffentliche Fonds jede weitere Investition in fossile Energieträger untersagt (sogenanntes carbon divestment). Wir können dieses Jahrhundert überleben. Aber nur, wenn wir schnell und bestimmt handeln.

Ich träume von einem Gesundheits- und Versicherungssystem, das auf Pseudo-Wettbewerb verzichtet und für das Gemeinwohl arbeitet.

«Wettbewerb macht alles besser» war das Dogma der Achtziger- und Neunzigerjahre. Private Versicherungen und Krankenkassen wurden mit viel Geld gefördert, weil sie effizienter und billiger sein sollten als öffentliche Kassen. Das Resultat ist das genaue Gegenteil: Krankenkassen und Spitäler überbieten sich mit viel zu hohen Werbebudgets, Pensionskassen senken ihre Renten wegen ihrer hohen Verwaltungskosten und destabilisieren mit ihren riesigen Fonds den Immobilienmarkt. Das Experiment private Versicherungen ist kolossal gescheitert und kostet uns Unsummen. Der völlig unsinnige Wettbewerb im Gesundheitsbereich ist auch nur noch teuer. Und die Entwicklung und Produktion von Medikamenten, von Anfang an in privater Hand, bringt ihren Aktionären deutlich mehr Nutzen als der Gesamtbevölkerung.

Ich träume von einem Gesundheits- und Vorsorgesystem, das frei ist von Konkurrenzdenken und dessen Akteure im Sinn des Service Public nicht gewinnorientiert zusammenarbeiten. Ich träume von einer Einheits-Krankenkasse in staatlicher Hand, sozial finanziert über progressive Steuern statt Kopfprämien, die keinen Rappen an Werbung verschwendet und wirklich alles Lebensnotwendige in der Grundversicherung abdeckt. Das schliesst auch Sehhilfen und Menstruationszubehör mit ein. Ich fordere Spitäler, deren Abteilungen konstruktiv zusammenarbeiten, statt Menschen zur Gewinnoptimierung unnötig hin- und herzuschieben oder frühzeitig zu entlassen. Und ich möchte die grossen Pharmafirmen verstaatlichen und in den Dienst der Gesellschaft stellen, damit ihre Gewinne in echte medizinische Forschung zurückfliessen statt in Patentverlängerungs-Tricks und hohe Dividenden.

Ich möchte, dass die AHV zum Leben reicht, so wie es unsere Verfassung vorsieht. Ich möchte anschliessend das Pensionskassen-Obligatorium aufheben und so die stetig wachsende Blase der Pensionskassenfonds stoppen. Ausserdem unterstütze ich die Idee des Aargauer GRÜNEN Philipp Kästli, dass Investitionen in erneuerbare Energie-Infrastruktur im In- und Ausland zur sicheren Anlage für Pensionskassenfonds erklärt werden. So könnten wir die Energiewende vorantreiben und gleichzeitig vermeiden, dass die Pensionskassenfonds immer mehr Überbauungen an völlig ungeeigneter Lage finanzieren.

Ich träume von einem Bildungssystem, das junge Menschen ihren Talenten entsprechend fördert und echte Chancengleichheit schafft.

Quizfrage: Was ist der grösste Unterschied zwischen den Schülern, die den Sprung ans Gymnasium schaffen, und den anderen? Es ist nicht etwa die Intelligenz oder die Neugierde, sondern Einkommen und Bildungsstand der Eltern. Sprich: Viel zu viele Kinder werden von ihren Eltern ans Gymi gepaukt. Unser Schulsystem bewirkt eher eine Erbfolge als eine Förderung nach Talent. Das verstösst massiv gegen den Grundsatz der Chancengleichheit.

Drei zentrale Elemente unseres Schulsystems bieten die Grundlage für diese Ungerechtigkeit: Hausaufgaben, Auswendiglernen und schriftliche Prüfungen. Hausaufgaben schaffen einen grossen Abstand zwischen den Kindern, deren Eltern dabei helfen können, und den anderen. Grosse Mengen an Fakten ohne klaren Zusammenhang auswendig lernen zu müssen, begünstigt die Kinder, die sich gut eine grosse Menge kurzfristig merken und dann wieder vergessen können – kluge, neugierige Kinder, die Dinge verstehen und einordnen wollen, bleiben auf der Strecke. Schriftliche Prüfungen wiederum sind meist völlig untauglich, um die Tiefe des Verständnisses zu ermitteln. Vorträge, Essays und mündliche Prüfungen zeigen dies viel klarer. In den höheren Schulen kommt als vierter Stolperstein noch das schlecht finanzierte Stipendienwesen hinzu, das die Schere zwischen Studierenden aus armen und reichen Haushalten nochmals vergrössert.

Ich träume von einem Schulsystem, das Verständnis vermittelt statt nackter Fakten. Von einem System, das auch das Verständnis prüft statt kurzfristiges Wissen, und das Prüfungsergebnisse zum Anlass nimmt, die Durchgefallenen so lange zu fördern, bis auch sie den Stoff verstehen. Ich fordere, dass der gesamte Stoff im Schulzimmer vermittelt wird und Hausaufgaben der Vergangenheit angehören. Ich möchte, dass in der Primarschule gänzlich auf Noten verzichtet wird, und dass die Aufteilung in verschiedene Stufen möglichst spät und Fach für Fach passiert. Wer ein Talent für Mathematik hat, soll nicht wegen schlechter Leistungen in anderen Fächern in eine schwache Mathe-Klasse gesteckt werden. Ich träume von einem Schulsystem, das auf Jane Loevingers Theorie der Ich-Entwicklung aufbaut und jedem jungen Menschen zeigt, wie er über Egoismus und Stammesdenken hinauswachsen kann.

Ebenso fordere ich, dass jeder Mensch in jeder Lebensphase die Gelegenheit für Aus- und Weiterbildungen haben soll. Das bedingungslose Grundeinkommen und bezahlbare Studiengebühren würden die ideale Bedingung dafür schaffen. Bis es ein bedingungsloses Grundeinkommen gibt, setze ich mich parallel dazu für eine Stärkung des Stipendienwesens und gegen eine Erhöhung der Studiengebühren ein. Denn es kann nicht sein, dass Menschen ihre Talente nicht ausschöpfen dürfen, nur weil ihre Eltern nicht gut verdienen.

Ich träume von einem öffentlichen Verkehr, der im Inland gratis allen offensteht und bequeme Auslandreisen anbietet.

Wenn die Energiewende wirklich gelingen soll, ist ein möglichst rascher und weitgehender Umstieg von Auto, Lastwagen und Flugzeug auf den öffentlichen Verkehr unumgänglich. Leider geht unsere derzeitige Politik komplett in die Gegenrichtung: Die öffentlichen Kassen für Strassen sind prall gefüllt, und die öV-Billetpreise sollen steigen. Und während man Flugreisen mit ein paar wenigen Klicks im Internet buchen kann, sind Zugreisen ins Ausland immer noch sehr oft mit mindestens einer Stunde am Bahnschalter verbunden.

Gleichzeitig schränken unsere teuren öV-Billete arme und junge Menschen auf dem Land in ihrer Bewegungsfreiheit ein und fördern Zersiedelung und längere Wege. Das ist ein perfider Teufelskreis: Wo das Auto ohnehin günstiger ist als der öV, gibt es keinen Grund, sich einen zentral gelegenen Wohnort zu suchen. Die tieferen Wohnungspreise ziehen viele ärmere Menschen in zersiedelte Agglomerationsräume, wo sie vom Auto abhängig bleiben und das schmale öV-Angebot so wenig nutzen, dass es schmal bleibt. Wenn dort die nächste Generation heranwächst, ist sie ebenfalls auf das Auto angewiesen.

Ich träume von einer Schweiz, die den öffentlichen Personenverkehr vollständig solidarisch über das Bundesbudget finanziert und ihn so konkurrenzfähiger macht als das Auto. Ich wünsche mir ein Land, in dem jeder und jede gratis und unkompliziert Züge, Busse, Trams und Kursschiffe benutzen kann. So senken wir unsere Kohlenstoffemissionen und bekämpfen erst noch die Zersiedelung und die soziale Ungleichheit.*

Ebenso fordere ich, dass die SBB in Zusammenarbeit mit ihren ausländischen Pendants ein elektronisches Buchungssystem entwickelt, mit dem Zugreisen quer durch Europa so schnell und bequem gebucht werden können wie Flugreisen heute – und zwar gleich mit Übernachtungen und Bus-Anschlüssen. Technisch ist das ohne weiteres möglich.

* Das geschieht natürlich nur, wenn auch mehr Menschen zentral wohnen können. Was wir dazu benötigen, sind gute Verdichtungsstrategien in den urbanen Zentren sowie ein Ende des Steuerwettbewerbs und eine faire Verteilung der Steuergelder, damit die kleineren Gemeinden keinen Anreiz mehr haben, abgelegene Wohnunüberbauungen im Grünen zu bewilligen.

Ich träume von einem Land, in dem Siedlungen und Landwirtschaft Inseln in der Natur sind statt andersrum.

Die Schweizer Naturräume werden zerschnitten von Tausenden dicht befahrenen Strassen und Bahnlinien, intensiver Landwirtschaft und dichten Agglomerationen. Naturschutz und Renaturierungen gibt es, aber meist auf irgendwelchen kleinen Restflächen, die nicht wirtschaftlich genutzt werden können. In der Folge sind Tausende von Tier- und Pflanzenarten praktisch aus dem Mittelland verschwunden, und auch in den dichter besiedelten Gebieten in Alpen und Jura gehen sie stark zurück. Besonders stark betroffen sind Tiergruppen, die auf gut vernetzte Lebensräume angewiesen sind und in kleinen isolierten Gebieten nicht überleben können – beispielsweise Schmetterlinge, Grashüpfer oder Grossraubtiere.

Ich träume von einer Schweiz, die wieder ein durchgängiger Lebensraum für all ihre Tier- und Pflanzenarten ist. Ich wünsche mir langfristig eine Schweizer Raumplanung, die Siedlungen und Landwirtschaftsland als Inseln in der Natur plant und die Vernetzung von Naturräumen genauso hoch bewertet wie die Verkehrsanbindung von Siedlungen.

Als Sofortmassnahme könnten grossräumige Natur-Korridore zwischen Alpen und Jura eingerichtet werden. Vier Stellen eignen sich dafür ganz besonders: Das Mittelland zwischen den Fribourger Alpen und dem Parc Jura Vaudois, der Lauf der Aare zwischen Thuner- und Bielersee, das Gebiet zwischen Napf und Naturpark Thal, und der Lauf von Thur und Hochrhein zwischen Alpstein, Schaffhausen und Aargauer Jura. Dort könnten die grossen Verkehrsachsen streckenweise in den Untergrund verlegt oder mit breiten Grünbrücken überbrückt werden. Überschwemmungsgefährdete Quartiere könnten mittels Landabtausch verlegt und renaturiert werden. Landwirtschaftsland könnte über weite Strecken auf pestizidfreie Mischkultur umgestellt werden.

Wichtig ist auch, dass Flusskraftwerke da stehen, wo sie am meisten Sinn ergeben und der Natur am wenigsten in die Quere kommen. Heute stehen viele an Orten, wo sie historisch für eine Fabrik gebaut wurden. Aus diesen Standorten ergeben sich teilweise Hochwasserrisiken (beispielsweise in Aarau) und vielerorts fehlt der Platz für anständige Umgehungsgewässer. Eine Umplatzierung wird dadurch verhindert, dass die Kraftwerke verschiedenen Firmen gehören, die sich nicht koordinieren. Ich fordere deshalb eine Verstaatlichung aller Flusskraftwerke und eine langfristige Neuplanung ihrer Standorte.

Ich träume von einer Entwicklungszusammenarbeit, die diesen Namen wirklich verdient.

Kürzlich belegte die Schweiz in einer Studie den Spitzenplatz, den sich kein Land wünscht: Gemessen an der Einwohnerzahl hat unser Land den negativsten Einfluss auf den Rest der Welt. Was wir in Entwicklungszusammenarbeit und private Hilfsorganisationen stecken, vermag das Werk unserer Banken, unserer Rohstoffkonzerne und den Auslagerungsstrategien unserer Grossfirmen keineswegs aufzuwiegen.

Und selbst wenn wir dies ausser Acht lassen, ist unsere Entwicklungszusammenarbeit mit ihren Konzepten im letzten Jahrhundert steckengeblieben. Zu viele Projekte gehen immer noch davon aus, dass wir besser wissen, was die Menschen vor Ort benötigen, als diese Menschen selbst. Dabei steht seit Längerem fest, dass zwei Massnahmen der langfristigen Entwicklungshilfe alle anderen in den Schatten stellen: Erstens das direkte, bedingungslose Verteilen kleiner Geldmengen an Privatpersonen, und zweitens Bildung für Mädchen und Frauen. Wird Geld direkt an arme Menschen verteilt, investieren es die allermeisten sehr weise in ihre Zukunft – Pachtland, Saatgut, Werkzeuge, Fahrzeuge, Schulgebühren... Die Gründung von Kleinfirmen schiesst in die Höhe, wo immer diese Methode angewandt wird. Das Einkommen der EmpfängerInnen steigt deutlich und langfristig, ebenso ihre Gesundheit und die Bildung ihrer Kinder. Die Geburtenrate sinkt hingegen deutlich. Mädchenbildung hat ihrerseits einen derart hohen Einfluss auf die Geburtenrate, den sozialen Frieden und die wirtschaftliche Entwicklung, dass sie sowohl in der Armutsbekämpfung als auch in der Klimapolitik als eine der wichtigsten Massnahmen angesehen wird.

Ich träume von einer Entwicklungszusammenarbeit, die direkt mit den Armutsbetroffenen arbeitet und darauf vertraut, dass sie selbst am besten wissen, wofür sie Geld brauchen. Ich wünsche mir ein Departement für Entwicklungszusammenarbeit (DEZA) mit dem Mut, in Vertrauen statt Kontrolle zu investieren. Ich fordere, dass unser Land deutlich mehr in Mädchenbildung investiert. Vor allem aber träume ich von einer Entwicklungspolitik, die über das DEZA hinausgeht und die die Auswirkungen unserer gesamten Politik mit einbezieht. Eine Entwicklungspolitik, die Grosskonzernen Grenzen setzt, wofür die Konzernverantwortungsinitiative ein guter erster Schritt ist. Eine Politik, die endlich wirksame Massnahmen gegen die Steuerflucht ergreift, die Jahr für Jahr mehr als zehnmal so viel Geld aus dem globalen Süden zu uns pumpt, als die Entwicklungshilfe aller reichen Länder zusammen verteilt.

Ich träume von einer fortschrittlichen, langfristig wirksamen Politik für unsere Randregionen.

Eines der Probleme, denen wir am hilflosesten begegnen, ist der Niedergang der Randregionen. Wir buttern Milliarden in die Berggebiete, um sie so zu erhalten, wie sie sind – und können die Landflucht trotzdem nicht aufhalten. Dabei ist die Bewirtschaftung der Alpen, wie wir sie heute kennen, keineswegs eine uralte Tradition. Wer sich die Geschichte der Alpen ansieht, findet eine dynamische, kreative Gesellschaft im ständigen Wandel. Dörfer wurden je nach Situation neu gegründet, vergrössert, verkleinert, verschoben, zusammengelegt oder ganz aufgegeben. Auch die Wirtschaft veränderte sich immer wieder. Unsere Bergkantone vermochten sich immer neuen Realitäten anzupassen.

Daraus können wir für die Zukunft lernen. Wie man es auch dreht und wendet: Für die dringendsten Wünsche der Randregionen – Arbeitsplätze in der Region, gute Verkehrsanbindung, nahe Schulen – sind ihre Ortschaften zu klein und zu weit auseinander. Wir stecken viel Geld in Täler, in denen fünf oder zehn Dörfer trotzdem nicht vom Fleck kommen.

Ich träume von einer mutigeren Politik in Zusammenarbeit mit der lokalen Bevölkerung, die Lösungen jenseits des Status quo sucht. Mit demselben Geld, anders eingesetzt, könnten wir aus zehn kleinen sterbenden Dörfern ein mittelgrosses, lebendiges schaffen, das auf eigenen Füssen steht. Mittels Sensibilisierungskampagnen, kluger Planung und Landabtauschen könnten wir Tälern, die überleben wollen, eine Zukunft bieten. Eine Zukunft, die für Dorfleben, Wirtschaft und Natur nur Positives bietet. Ich bin mir sicher, dass wir mehrere Regionen für ein Pilotprojekt begeistern könnten. Und wenn dieses Projekt gelingt, werden die meisten anderen nachziehen. Kein Tal will ewig vor sich hin serbeln.

Ich träume von einer Schweiz, die Suchtprobleme konsequent medizinisch angeht statt strafrechtlich.

Wenn es einen Bereich gibt, in dem die Schweiz in den letzten Jahrzehnten eine weltweite Vorreiterrolle eingenommen hat, dann ist es die Suchtpolitik. Dank dem Engagement von Ruth Dreifuss und zahlreichen Menschen aus Medizin, Politik und sozialer Arbeit haben wir praktisch flächendeckend die kontrollierte Heroinabgabe eingeführt. Das Resultat ist überwältigend: Die Beschaffungskriminalität und -prostitution von Heroinabhängigen ist praktisch verschwunden. Ebenso Todesfälle durch Überdosen oder verunreinigtes Heroin – diese Phänomene verschwinden, wenn die Droge eine konstant hohe Qualität hat und dadurch berechenbar wird. Die meisten Schweizer Heroinabhängigen sind normal berufstätig, und viele sind über das staatliche Methadonprogramm von ihrer Sucht weggekommen. Diese Geschichte gilt inzwischen international als Vorbild für eine fortschrittliche und effektive Drogenpolitik.

Warum ist es beim Heroin geblieben? Warum behandeln wir alle anderen Drogen von Kokain über LSD bis Cannabis weiterhin mit untauglichen, rein strafrechtlichen Mitteln, statt auch ihren Konsum endlich als das anzuschauen, was er wirklich ist? Bei etwa 90% der Konsumierenden jeglicher Drogen ist der Konsum gelegentlich und unproblematisch, beim Rest ist er ein Symptom eines neuropsychologischen Problems. Währenddessen pumpt die Kriminalisierung der Drogen jedes Jahr Milliarden in die Taschen der schlimmsten Drogenkartelle, die damit den Tod von Zehntausenden Menschen verursachen.

Ich träume von einer Schweiz, die jede Art von Sucht als medizinisches Problem angeht und nicht als strafrechtliches. Ich wünsche mir eine Dekriminalisierung aller Drogen, von einem Aufbau kontrollierter legaler Produktionsstätten und Handelsnetze und dem damit einhergehenden Niedergang der Drogenkartelle. Dies wäre ein mutiger und kontroverser Schritt, aber ein goldrichtiger.

Ich wünsche mir einen differenzierten, wissenschaftlich orientierten Umgang mit Gentechnik.

Das Feld der Genetik hat in den letzten Jahrzehnten derart riesige Fortschritte gemacht, dass die politische Diskussion darüber ziemlich hilflos erscheint und von rekordverdächtig tiefem Fachwissen geprägt ist. Dies führte in manchen Ländern zur unkritischen Zulassung vieler stümperhaft manipulierter Nutzpflanzen. In anderen wiederum, darunter die Schweiz, wurden gentechnisch modifizierte Pflanzen gleich ganz verboten. Richtig ist keiner der beiden Wege.

Das Problem ist, dass Gentechnik nicht so eingesetzt wird, wie sie Sinn ergeben würde. Der Grossteil der Werke von Monsanto, Syngenta & Co. sind Nutzpflanzen, die gegen ein Herbizid immun gemacht wurden, damit ihr Saatgut und das Herbizid zusammen teuer verkauft werden können. Diese Art Manipulation ist sehr einfach, aber gefährlich für Umwelt und Gesundheit und zudem überhaupt nicht nachhaltig, weil sich Unkräuter innert weniger Jahre an das Herbizid anpassen. Eine weitere verbreitete Manipulation ist das Einsetzen des BT-Komplexes. Dieser Genkomplex, ursprünglich aus einem Bakterium, produziert ein mehrstufiges Gift, das wirksam allerlei Insekten bekämpft. Wenn aber die ganze Pflanze dieses Gift produziert, trifft sie damit auch nützliche Insekten wie Bestäuber.

Es gäbe durchaus sinnvolle Einsatzmöglichkeiten für Gentechnik. Als vor einigen Jahren ein Virus die weltweiten Papaya-Bestände bedrohte, setzten Forscher der Papaya eine direkte Resistenz gegen den Virus ein und retteten sie so, ohne jede schädliche Nebenwirkung. Denn die Resistenz-Gene verhinderten den Befall dieses einen Virus, und nichts anderes. Dasselbe wird derzeit mit der Amerikanischen Kastanie und der Banane versucht, die beide Gefahr laufen, von eingeschleppten Pilzkrankheiten komplett ausgerottet zu werden. Und hierzulande könnten Ulme und Esche so vor demselben Tod bewahrt werden. Ebenso könnten wir mit Gentechnik Pflanzen schaffen, die in einem anderen Klima wachsen können, weniger Wasser verbrauchen, mehr Kohlenstoff binden, Schwermetalle aus dem Boden unschädlich machen oder mehr von einem gewissen gesunden Inhaltsstoff produzieren. Im Kampf gegen Vitaminmängel, Umweltverschmutzung und Klimawandel hätte die Gentechnik durchaus ihren Platz. Sogar BT-Pflanzen könnten praktisch ohne negative Nebeneffekte funktionieren. Es wäre möglich, diese Pflanzen so auszurüsten, dass sie das Insektengift nicht in den Blüten und Früchten produzieren.

Der Haken an all diesen Möglichkeiten: Die meisten von ihnen benötigen Eingriffe an mehreren Stellen in der DNA. Private Unternehmen wie Monsanto müssen in vielen Ländern jeden einzelnen Eingriff und jede Wechselwirkung zwischen Eingriffen in die Zulassung schicken. Für sie bedeuten Eingriffe an mehreren Genen einen beträchtlichen Zusatzaufwand. Kurz gesagt: Für Weltkonzerne ist es viel lukrativer, mit einem einzelnen Gen zu pfuschen, als sicherere Methoden anzuwenden.

Ich träume von einer differenzierten, angstfreien, wissenschaftlich begründeten Gentech-Politik, die auf private Billig-Forschung getrost verzichtet und dafür die universitäre Forschung fördert. Eine Politik, die Schwachsinn wie Pestizidresistenzen oder giftige Blüten weiterhin streng verbietet, aber in begründeten Fällen auch einmal eine gentechnisch veränderte Nutzpflanze zulässt und die Bevölkerung darüber aufklärt. Die ganze Gentech-Diskussion darf nicht so unfundiert weitergeführt werden wie bisher. Sonst besteht die Gefahr, dass die Grosskonzerne die Stimmung drehen könnten und auch hier freie Hand kriegen für ihre schlechtesten Experimente.