Kürzlich belegte die Schweiz in einer Studie den Spitzenplatz, den sich kein Land wünscht: Gemessen an der Einwohnerzahl hat unser Land den negativsten Einfluss auf den Rest der Welt. Was wir in Entwicklungszusammenarbeit und private Hilfsorganisationen stecken, vermag das Werk unserer Banken, unserer Rohstoffkonzerne und den Auslagerungsstrategien unserer Grossfirmen keineswegs aufzuwiegen.

Und selbst wenn wir dies ausser Acht lassen, ist unsere Entwicklungszusammenarbeit mit ihren Konzepten im letzten Jahrhundert steckengeblieben. Zu viele Projekte gehen immer noch davon aus, dass wir besser wissen, was die Menschen vor Ort benötigen, als diese Menschen selbst. Dabei steht seit Längerem fest, dass zwei Massnahmen der langfristigen Entwicklungshilfe alle anderen in den Schatten stellen: Erstens das direkte, bedingungslose Verteilen kleiner Geldmengen an Privatpersonen, und zweitens Bildung für Mädchen und Frauen. Wird Geld direkt an arme Menschen verteilt, investieren es die allermeisten sehr weise in ihre Zukunft – Pachtland, Saatgut, Werkzeuge, Fahrzeuge, Schulgebühren... Die Gründung von Kleinfirmen schiesst in die Höhe, wo immer diese Methode angewandt wird. Das Einkommen der EmpfängerInnen steigt deutlich und langfristig, ebenso ihre Gesundheit und die Bildung ihrer Kinder. Die Geburtenrate sinkt hingegen deutlich. Mädchenbildung hat ihrerseits einen derart hohen Einfluss auf die Geburtenrate, den sozialen Frieden und die wirtschaftliche Entwicklung, dass sie sowohl in der Armutsbekämpfung als auch in der Klimapolitik als eine der wichtigsten Massnahmen angesehen wird.

Ich träume von einer Entwicklungszusammenarbeit, die direkt mit den Armutsbetroffenen arbeitet und darauf vertraut, dass sie selbst am besten wissen, wofür sie Geld brauchen. Ich wünsche mir ein Departement für Entwicklungszusammenarbeit (DEZA) mit dem Mut, in Vertrauen statt Kontrolle zu investieren. Ich fordere, dass unser Land deutlich mehr in Mädchenbildung investiert. Vor allem aber träume ich von einer Entwicklungspolitik, die über das DEZA hinausgeht und die die Auswirkungen unserer gesamten Politik mit einbezieht. Eine Entwicklungspolitik, die Grosskonzernen Grenzen setzt, wofür die Konzernverantwortungsinitiative ein guter erster Schritt ist. Eine Politik, die endlich wirksame Massnahmen gegen die Steuerflucht ergreift, die Jahr für Jahr mehr als zehnmal so viel Geld aus dem globalen Süden zu uns pumpt, als die Entwicklungshilfe aller reichen Länder zusammen verteilt.