Wir leben theoretisch in einem der fairsten Wahlsysteme der Welt. Alle Schweizerinnen und Schweizer über 18 Jahre sind stimm- und wahlberechtigt, ungeachtet ihres Geschlechts, ihres Einkommens, ihres Berufs und ihrer Herkunft. Und trotzdem sitzen in jedem einzelnen Parlament der Schweiz deutlich mehr Männer als Frauen, kaum Menschen aus tiefen Einkommensschichten, wenige unter vierzig und kaum welche mit Migrationshintergrund.

Die Erfahrung zeigt weltweit, dass Wahlen ein völlig untaugliches Instrument sind, um eine Bevölkerung abzubilden. Die Zwänge des Wahlkampfs führen dazu, dass Menschen mit wenig Zeit oder Geld kaum Chancen haben. Zudem sieben Wahlen die Kandidierenden nach den falschen Kriterien aus – gewählt wird, wer sympathisch wirkt und sich gut selbst inszenieren kann. Diese Charakterzüge haben nichts mit den Qualitäten zu tun, die man braucht, um gute Entscheidungen zu treffen. Im Gegenteil: Gewählte PolitikerInnen sind überdurchschnittlich narzisstisch und selbstzufrieden, was die Fähigkeit zur Selbsthinterfragung reduziert. Dies hat zur Folge, dass sich unsere Gewählten zu wenig weiterbilden und Meinungen, die sie einmal gebildet haben, kaum mehr ändern.

Ich träume von einer Gesellschaft, die sich nicht weiter mit Wahlen herumschlägt und selbst im Parlament Platz nimmt. In meiner Vision werden die Parlamentsmitglieder ein Jahr im Voraus ausgelost. Sie erhalten einen Monat Zeit, um das Amt anzunehmen oder abzulehnen, und ein Jahr politischer Bildung. Sie lernen sauber und umfassend, wie unser System aufgebaut und historisch gewachsen ist, welche Gestaltungsmöglichkeiten sie im Parlament haben und wo ihre eigene politische Philosophie einzuordnen ist. Die Arbeitgeber von Kantonsparlamentarierinnen sind gesetzlich verpflichtet, eine Pensumreduktion hinzunehmen, und werden für den Mehraufwand entschädigt. Nationale ParlamentarierInnen erhalten einen guten Lohn, dürfen aber dafür keinerlei bezahlte Nebenämter annehmen. Im Jahr vor ihrem Ausscheiden aus dem Parlament erhalten sie Unterstützung für den Wiedereinstieg in ihren Beruf.

Mit diesem System hätten Korruption und Lobbyismus viel weniger Ansatzpunkte. Einzelinteressen aus Wirtschaft und Finanzwesen hätten einen deutlich schwierigeren Stand, und alle grösseren Bevölkerungsgruppen wären angemessen repräsentiert. Repräsentation per Los wurde bisher ein einziges Mal längerfristig ausprobiert, in der ersten Demokratie der Welt in Athen, und sie war eine 400-jährige Erfolgsgeschichte. Die Athener Demokratie war das erste und bisher einzige politische System, das die wirtschaftliche Macht fast vollständig von der politischen Macht entkoppelte. Auf ihren Erfahrungen aufzubauen, ist der sicherste Weg, unsere Politik für alle statt für wenige arbeiten zu lassen.